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© Jacques L. Prilleau, Digital Natives

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Heilige Abende

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© Jacques L. Prilleau

Heilige Abende

So mancher mag zum Weihnachtsfest
An transzendente Dinge denken
Doch das ist nur ein kleiner Rest
Geht’s doch ums Fressen und ums Schenken

Bei Schmidts gibts Heiligabend Gans
Bei Müllers Würstchen mit Püree
Frau Ott kocht Brüh‘ aus Ochsenschwanz
Die Mayer brät ein Rindsfilet

So haut man sich die feinsten Gaben
Vor der Bescherung in die Wampe
Ein Prost auf die, die Wenig haben
Schmidt gießt sich einen auf die Lampe

Es wartet schon die gier’ge Brut
Auf den Erhalt der heißen Ware
Müller brüllt mit heißer Wut
„Der Blitz beim Scheißen in euch fahre!“

„Der Heiland kommt heut‘ auf die Welt
Und ihr denkt nur an euch, ihr Plagen!“
Da liegt sein ganzes Weihnachtsgeld
Er wollte eigentlich entsagen:

Dem Raffen in der Einkaufswüste
Der Gier und der Befriedigung
Seiner niederen Gelüste
Doch ganz schnell fiel der Müller um

Trotz all dem Schimpf und dem Gemotze
Geht Müllers Widerstand dahin:
„Ich möcht‘ so eine Flachbildglotze!“
Ein Widescreen ganz allein für ihn!

Nun beginnt der große Reigen
Vom Nehmen und vom Geben
Jetzt heißt es: Dicke Hose zeigen
Als wär’s der letzte Tag im Leben!

Mutter Schmidt bekommt ein Tuch
Aus allerfeinster Maulbeerseide
Die Mayerin ein neues Buch
Für die Ott gibt’s ein Geschmeide

Nur Müllers Fernsehschschrank bleibt leer
Er bebt, ihm fehlt die Spucke
Er wünscht sich dieses Teil so sehr:
„Beim Kacken euch der Blitz durchzucke!“

Herr Ott kriegt Slips in Größe acht
Herr Maier neue Socken
Ein Plastikhund, der Kacka macht
Damit kann man klein Schmidtchen locken

Es freu’n sich Söhne, Töchter, Neffen
Doch Müllers Wunsch wird nicht erfüllt:
„Euch soll der Blitz beim Scheißen treffen!“
Der Ganze Raum ist zugemüllt:

Von bunten Fetzen, güldnen Bändern
Von Pappe und von Kartonage
Vielleicht wird sie sich niemals ändern
Die Gier der Feiertagsbagage

Der Müller, der schaut nur noch zu
Sein Sohn bekommt ein Bastelset.
Another tube of super glue!
Als ob der Kleine basteln tät!

Ein Bagger für das Schmidtsche Kinde
Müllers Fernsehschrank bleibt leer:
„Der Blitz Euch bei der Notdurft finde!“
Jetzt will Herr Müller nimmermehr

Ein iPad für den kleinen Mayer
Ein Kindle für das Müllerkind
Für Oma Ott ein Nudelseiher
Wie schön, dass wir beisammen sind!

Man ist befriedigt, satt, so voll,
Dass langsam Geist und Klarheit schwinden
Wär dieser Jesus nicht schon toll
Man müsste ihn erfinden!

Und Müllers Blitz? Der wartet schon
Zehntausend Volt, bereit zu beißen
Er trifft euch auf des Notdurfts Thron
Letzendlich müsst ihr alle Scheißen.

j. l. prilleau

 

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